Mantis 22 (Summer 2024)
dis.orientations

Dinçer Güçyeter

translated from German by Caroline Wilcox Reul


die grüne Strickjacke

in diesem Garten haben Schmetterlinge an einem Februarabend /

nachdem das schlafende weiße Fohlen unter Flocken aufgefunden wurde

/ zu Saz getanzt / auf dem Diwan der Derwische lag der offene Sarg / in

diesem Garten / auf ihm das grüne Tuch / geschleudert von Gebeten einer

Frau / die dieser Welt kein Wort mehr zu sagen hatte / das letzte, was ich

von ihr hörte weder eine Beerdigung noch eine Hochzeitsfeier darf in diesem

Leben verschoben werden / das ist die größte Sünde / ich war damals so alt

wie die Schaukel unter der Dachrinne

wisst ihr, wie majestätisch eine Handschrift sein kann? / in diesem Garten

/ am Eingang / hängt noch der vergilbte Brief zwischen Tür und Rahmen

Liebster Papa,

ich bin jetzt seit 2 Monaten in Deutschland, mir geht´s gut, die

Tarhana-Suppe und der frische Käse fehlen mir ein wenig. habe jetzt einen

Arbeitsplatz in der Fabrik, werde gut verdienen und wer weiß, vielleicht kann ich

mir sogar bald einen Mercedes kaufen. ich lege einen 100-Mark-Schein mit in den

Umschlag. kannst du bitte, wenn du wieder in die Stadt fährst, mit diesem Geld für

Mutter 5 Meter Seide kaufen. sie soll sich ein neues Kleid schneidern lassen und

stolz damit durch das Dorf laufen, stolz wie ein Pfau. noch lebe ich in einer

Arbeiter-WG, wenn ich meine eigene Wohnung habe, schicke ich euch die Papiere

vom Amt, damit könnt ihr ein Visum beantragen. in stiller Sehnsucht umarme ich

euch beide.

Yilmaz / Köln, 1966

wisst ihr / manchmal sind die Jahre schneller auf der Reise als die

Briefe

in diesem Garten / auf dem nackten Zweig des Magnolienbaums webt

ein Ameiseknäuel Abschiede aus Seidenfäden / und diese Krähen / die

verstummt auf dem Fahrrad sitzen / wisst ihr / wie viele Sprachen sie

verstehen / diese Stille wiegt mehr als alle Sprachen der Welt / und frage

jetzt nicht / ob eine Sprache was wiegen kann / ich sah / wie eine Silbe zu

einer Walze wurde, wie sie diese Erde zu Leinen formte / vergiss nicht /

hinter jedem Leinen kühlt sich eine verbrannte Zunge

in diesem Garten spielt jetzt ein kleiner Junge mit seinem Ball / in dem

Riss seiner Hose ist ein Pult angeheftet / dort legt der DJ Ronaldo die

Platten von Prince auf / gestern wurde der Junge von seinem Trainer in eine

andere Mannschaft geschickt / er muss noch lernen, sich an die Regeln zu

halten / später darf er vielleicht wieder zurück / der Junge schießt den Ball

über den Zaun und schreit Tooooooor / am Abend im Bett sagt er mir:

Papa, wer weiß, vielleicht bin ich eines Tages ein Profi-Fußballer / werde

vielleicht soooooo reich sein und kann mir ein Cabrio kaufen, damit fahre ich

dich dann zu Aldi, versprochen! und lach nicht, Papa, du weißt, in meine neue

Mannschaft kommen nur die Besten

ich hoffe, Schatz, die Jahre sind nicht schneller als die Träume / und jetzt

/ mach die Äugelchen zu und schlafe / wir haben morgen was Großes vor

/ ich werde dir den See-Drachen zeigen

und da, hinter dem Fenster sitzt ein Mann am Schreibtisch, zerstümmelt

die Worte mit Erinnerungen / schaut aus dem Fenster / sieht im Garten

den Diwan der jungen Knaben / auf ihren Nabeln die Kupfergewichte der

Sprache / auf einem verrosteten Käfig unter Flocken sieht er die grüne

Strickjacke / und denkt / wie viele unsichtbare Knoten dieses Gedicht

doch hat

The Green Cardigan

in this garden on a February evening / after the sleeping white colt

was discovered buried under flakes / butterflies danced to the bağlama

/ in this garden / the coffin lay open on the divan of the dervishes /

across it the green cloth / flung from the prayers of a woman / who had

nothing more to say to this world / the final word I heard from her,

neither a funeral nor a wedding should ever be put off in this life / that is

the greatest sin / at the time I was the same age as the swing under the

drainpipe

do you know how majestic the written hand can be? / in this garden /

at its entrance / the yellowed letter still hovers between door and frame

Dearest Papa,

I’ve been in Germany for two months now, I’m doing well, though

sometimes I long for tarhana soup and fresh cheese. I found work

in a factory, will earn good money and who knows, maybe I

can buy myself a Mercedes someday. I’m enclosing 100 marks in

the envelope. When you go into town again, could you buy mother five

meters of silk with it. She should have a dress made and wear

it though the village, proud as a peacock. I still live with others

from the factory, when I get my own place, I’ll send you the immigration

paperwork so you can apply for a visa. In quiet yearning I embrace

you both,

Yilmaz, Cologne, 1966

do you know / sometimes the years undertake their journey faster than

the mail

in this garden / on the bare branches of the magnolia a skein of ants

weaves each departure from silken thread / and the silenced crows /

perched on the bicycle / do you know / how many languages they speak

/ this silence weighs more than all languages in the world / and don’t

you ask / whether a language can weigh anything / I saw / how a syllable

became a roller, how it shaped the earth to linen / don’t forget / behind

every linen cloth a burned tongue cools

in this garden a little boy plays with his ball / a stage hangs at a tear in his

jeans / where DJ Ronaldo spins records by Prince / yesterday the boy was

sent to another team by his coach / he needs to learn to follow the rules /

they might let him back later / the boy shoots the ball over the fence and

bellows goooooal / that evening at bedtime he says to me:

Papa, who knows, maybe someday I’ll be a pro footballer / I might get

sooooo rich, I can buy me a convertible, then I’ll drive you to Costco,

promise! and don’t laugh, Papa, you know, only the best players are

allowed on my team

I hope, son, the years don’t pass faster than your dreams / and now / close

your sleepy eyes and drift off / we have a big day tomorrow / I will show

you the dragon of the lake

and there behind that window, a man sits at his desk, maims words with

his memories / gazes out the window / sees in the garden the divan of the

boys / on their navels the copper weights of language / on a rusted cage

under snowflakes he sees the green cardigan / and thinks / how many

invisible knots this poem must have


DINÇER GÜÇYETER grew up as the son of a barkeeper and blue-collar worker. He went to night school to finish his high school diploma. From 1996 to 2000, he trained to be a tool and die maker. Occasionally, he worked in the food service industry. In 2012, Güçyeter founded Elif Verlag, a publishing house focused on poetry, financed by his part-time job as a forklift driver. His latest poetry collection Mein Prinz, ich bin das Ghetto won the Peter Huchel Prize in 2022. His first novel, Unser Deutschlandmärchen, was published in the fall of 2022 by Mikrotext.

CAROLINE WILCOX REUL is the translator of In the morning we are glass, by Andra Schwarz (Zephyr Press, 2021) and Who Lives by Elisabeth Borchers (Tavern Books, 2017), both from the German. Her translations have appeared or are forthcoming in the PEN Poetry Series, The Los Angeles Review, Waxwing, The Michigan Quarterly Review, The Columbia Journal, ANMLY, the Arkansas International, and others.